Vor einigen Tagen erhielt ich die Anfrage einer Schweizerin, die darüber nachdenkt, ihren Lebensabend ganz oder teilweise in Marokko zu verbringen. Da ähnliche Fragen immer wieder auftauchen, veröffentliche ich meine Antwort hier in leicht angepasster Form. Vielleicht hilft sie auch anderen Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen, nach Marokko auszuwandern oder dort einen längeren Lebensabschnitt zu verbringen.
Gibt es Schweizer oder deutsche Gemeinschaften in Marokko?
Liebe Nicole
Danke für deine Anfrage. Ich kann deine Bedenken sehr gut verstehen und auch deine Idee, eventuell im Alter nach Marokko auszuwandern.
Ich selbst kenne keine reine Schweizer Gruppierung in Marokko, allerdings weiss ich um einen Rentner-Stammtisch in Agadir und eine Gruppe von Deutschen und Schweizern in Ghazoua, das ist in der Nähe von Essaouira. Internationale Geuppierungen findet man vor allem auf Facebook.
Wie viel Geld braucht man zum Leben in Marokko?
Die Situation in der Schweiz ist schwierig, wenn man im Alter mit wenig Geld leben muss. Wenn man nach Marokko auswandert, kommt man mit etwa 1.500 Euro im Monat sehr gut klar. Mit 1.000 Euro wird es etwas knapp, aber die Lebensqualität ist natürlich eine ganz andere.
Gesellschaftlich gehört man dort nie ganz dazu, außer innerhalb seiner eigenen Gruppen. Allerdings wird man dort auch nicht mitleidig angeschaut, wenn man ausgewandert ist. Das heisst, der gesellschaftliche Druck, dem man in der Schweiz ausgesetzt ist, wenn man im Alter wenig Geld hat, ist dort kaum spürbar.
Allerdings hat man dort andere Sorgen, insbesondere in Bezug auf Gesundheitsversorgung und – wie du andeutest – Pflege. Es gibt keine Pflegeservices wie in der Schweiz.
Ich kann dir anhand eines Beispiels einer deutschen Rentnerin aufzeigen, wie sie lebt, dann kannst du dir das ungefähr vorstellen:
Die deutsche Rentnerin verfügt ebenfalls über etwa 1.500 bis 2.000 Euro monatlich. Sie hat ein Haus gemietet, die Miete liegt bei ungefähr 400 Euro. Sie hat einen Garten, einen Gärtner und eine Putzfrau. Das sind Einheimische, die bei Vollzeit im Schnitt etwa 350 Euro verdienen. Da es sich aber nur um stundenweise Servicekräfte handelt, wird sie vermutlich insgesamt ungefähr 200 Euro im Monat für beide bezahlen.
Gesundheit, Pflege und Krankenversicherung
Eine Pflegekraft zu finden, ist sehr schwierig. Das hat auch mit Zuverlässigkeit und Ausbildungsstand zu tun. Aber wenn es irgendwann soweit ist, finden sich eventuell Lösungen. Einige haben auch Kräfte aus dem Ausland akquiriert, die bei ihnen wohnen – gegen Kost und Logis sowie einen kleinen Lohn.
Apotheken führen meistens die normalen Präparate. Allerdings ist das Gesundheitssystem sehr französisch geprägt. Die Ärzte in Essaouira beispielsweise sind für 'meine Rentnerin' in Ordnung. Sie haben zwar nicht den medizinischen Standard wie bei uns, zumindest nicht, was neue Therapien betrifft, aber für alltägliche gesundheitliche Probleme sind sie gut ausgestattet.
Es gibt auch in Marokko Krankenversicherungen für Auswanderer, und diese sind meines Wissens bezahlbar. Zudem gibt es Kliniken, die eher auf Europäer ausgerichtet sind. Diese sind etwas teurer, aber ebenfalls noch bezahlbar. Die einheimischen Kliniken hingegen sind für unsere Ansprüche meist nicht zu empfehlen.
Klima und Wohnen an der Atlantikküste
Das Klima ist teilweise sehr belastend, da es sehr heiß werden kann. Deshalb kommt fast nur die Region am Atlantik infrage, wo allerdimgs die Mieten auch teurer sind. Schon 20 Kilometer weiter im Landesinneren kann die Hitze im Sommer sehr belastend und fast unerträglich werden. Für uns Europäer ist dort eine Klimaanlage praktisch zwingend erforderlich. Dadurch sind auch die Stromkosten nicht mehr ganz so günstig, aber insgesamt bleibt das Leben dennoch deutlich günstiger als in der Schweiz.
Mobilität und Verbindung zur Heimat
Was allerdings vergleichbar teuer ist beziehungsweise womöglich sogar teurer werden kann, ist die Mobilität.
Das Beispiel meiner deutschen Rentnerin sieht so aus, dass sie einen festen Taxifahrer hat, den sie regelmäßig anruft. Die Taxifahrten liegen ungefähr bei 10 Euro für 12 Kilometer bis zur nächsten Stadt. Es gibt zwar auch Sammel-Taxis, die sehr günstig sind, aber man muss oft lange warten und zunächst überhaupt zu einem Taxistand gelangen. Das ist eher innerhalb der Städte praktikabel. Sobald man etwas außerhalb lebt, wird Mobilität deutlich teurer.
Ein eigenes Auto zu besitzen ist ebenfalls schwierig. Autos sind in Marokko teilweise teurer als in Europa. Ein Auto zu importieren ist noch kostspieliger und fast unmöglich, wenn es sich nicht um ein jüngeres Fahrzeug handelt.
Dann kommen natürlich noch die Flüge dazu, denn wir möchten ja meist den Bezug zu unserer Heimat nicht ganz verlieren. Im Moment sind die Flüge mit Ryanair und anderen Airlines nach Marrakesch, Agadir und sogar Essaouira oft sehr günstig. Auch Tanger ist gut erreichbar. Aber es gibt natürlich keine Garantie dafür, dass das langfristig so bleibt. Gerade bei den derzeit hohen Benzinpreisen werden sich die Flugpreise vermutlich irgendwann anpassen.
Kann man sich in Marokko wirklich zuhause fühlen?
Die eigentliche Frage ist deshalb auch, ob man sich ohne diese Mobilität und mit größerer Distanz zum Heimatland dort wirklich dauerhaft wohlfühlen und eingliedern kann.
Es ist nicht einfach, aber auch nicht unmöglich. Und es hängt sehr davon ab, wie offen man dafür ist, sich auf eine Kultur einzulassen, die in vielen Bereichen sehr konträr zu unserer europäischen Kultur ist.
Ich würde in jedem Fall empfehlen, zunächst einmal eine kleinere Reise dorthin zu machen, um selbst hineinzuspüren, ob ein Leben dort überhaupt infrage kommt.
Übrigens, wenn du Unterstützung bei der Reiseorganisation brauchst, kannst du dich gerne auch an mich wenden.